Licht über dem Atlantik

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Für Großmama konnte das Netz gar nicht fein genug gesponnen sein. Sie fand immer eine Lücke und Freunde, die ihr weiter helfen konnten. So schlich sie durch Keller, musste in dunklen Ecken warten, bis die Patrouille, die gerade vor dem Bombentrichter halt gemacht hatte, in dem sie sich verschanzt hatte, wieder weitermarschieren würde. Wenn die Soldaten ihre Zigaretten ausgelöscht hatten, und die Großmutter ihre schweren, sich entfernenden Schritte hörte, konnte sie es nach einer Weile wieder wagen, herauszukommen um dann im Schatten des nächsten Torbogens wieder Schutz zu suchen. Oder sie musste auf einem heißen Dachboden ohne Essen und ohne Wasser ausharren, bis es wieder Abend wurde und sie weiterlaufen konnte. Auch ihre bereits verbrauchten Vorräte musste sie wieder möglichst gefahrlos auffrischen. Von einem geheimen Wachtposten zum anderen wurde sie weitergegeben und manchmal auch von diesen scheel angesehen, wenn sie ihnen sagen musste, was sie zu tun vorhatte. Die Männer und auch viele Frauen lebten sehr gefährlich. Es war fast, aber nur fast wie früher, als sie gegen Hitler im Untergrund gekämpft hatten. Damals wurden etliche von ihnen bei Nacht und Nebel abgeholt und nie wieder gesehen. In diesen Tagen war die Gefahr geringer geworden, aber man wurde auch noch recht rasch unter Umständen als Spion aus den Kriegstagen angesehen. Sie konnten nie wissen, ob sie Freund oder Feind vor sich hatten. Auch ihre Organisation, die der besseren Verständigung und Verbindung der Bevölkerung dienen sollte, wies an manchen Stellen Lücken auf und wurde unterminiert. Noch herrschte das Chaos.

Aber dann, nach all den Strapazen, stand sie mehr oder weniger unvermutet vor der Reichsbrücke, die über unsere schöne blaue Donau führt. Sie konnte es fast nicht glauben, es bis hierher geschafft zu haben. Das aber war nun das Nadelöhr, durch das es für sie galt, offiziell hindurch zu schlüpfen, um über das Weinviertel in Niederösterreich und weiter über die tschechoslowakische Grenze zu uns nach Mähren zu gelangen. Zuerst einmal setzte sie ihren Rucksack ab und versuchte zu Atem zu kommen, während sie ihre Umgebung scharf beobachtete.

Alle Welt war grau und mit Säcken unterwegs. Ein paar Glückliche waren Besitzer von Taschen. Man konnte nie wissen, wo man ein bisschen Mehl, ein paar Kartoffel, oder andere Kostbarkeiten wie Schmalz, ein paar Eier oder einen Apfel auftreiben konnte. Die Menschen waren auf Glücksfälle auf ihren Wegen angewiesen. Sie mussten hinaus und sich auf den Weg machen, egal in welche Richtung. Zu Hause bleiben hieße verhungern. Dort blieben nur die, die von den Wanderern versorgt werden mussten. Die verwundeten Heimkehrer, die Kranken und die ganz Alten. Die Mütter hatten ihre Kinder immer bei sich, oft sah man sie am Wegrand ihre Kleinsten stillen, wobei es ein Rätsel blieb, woher die ausgemergelten Frauen ihre Milch hernahmen, um ihre Säuglinge satt bekommen zu können. Das große Phänomen dieser Zeit waren die Alten, die noch ihre Häuser verlassen konnten. Sie setzten ihr ganzes Wissen und ihre Erfahrung ein, um mit fast jugendlichem Elan und Schlauheit ihre Familie zu unterstützen. Jeder hatte irgendwo Bekannte auf dem Lande noch aus der Vorkriegszeit, und diese Freundschaften galt es nun, aufzufrischen. Man konnte nie wissen, welcher Glücksfall einem begegnen würde.

Während sie sich umschaute, bemerkte sie, dass beim schmalen Durchgang am Ansatz der Brücke, wo immer nur eine Person durchgehen konnte und russische Soldaten ihren Dienst versahen, ein Tumult entstanden war. Zwei junge Burschen mit Fahrrädern waren darin verwickelt. Die Soldaten standen mit geschulterten Gewehren, die Bajonette aufgepflanzt, vor der kleinen Holzhütte, die ihnen als Wachstube diente. Große Pelzmützen hatten sie, trotz der Hitze, auf ihren Köpfen und waren in dicke Mäntel gehüllt. Die Burschen mit ihren Rädern wollten offensichtlich in die Stadt hinein, was die Soldaten erstaunte, denn alle anderen, die sie kontrollieren mussten, wollten immer nur hinaus. Oma bat den Mann, der sich neben sie auf die niedere Steinmauer gesetzt hatte, auf ihren Rucksack aufzupassen, was sehr leichtsinnig war. In diesen Zeiten wurde nicht nur gebettelt und gehamstert, sondern auch sehr viel und ohne jegliche Hemmung gestohlen. Aber das war ihr im Moment egal, sie witterte Gefahr für die zwei jungen Männer und überlegte, wie sie einschreiten könnte, um ihnen zu helfen.

Sie spazierte möglichst arglos in die Richtung des kleinen Schlagbaumes, um die Lage besser überblicken und einschätzen zu können. In die Nähe gekommen, riss sie ein Büschel Gras aus und begann damit, ihre Schuhe zu putzen. Dabei beobachtete sie aus den Augenwinkeln das Geschehen. Die Verwirrung bei den Russen war nun schon zu sehen, denn sie hatten nach einem Vorgesetzten gerufen, der in schweren Stiefeln und in voller Offiziersmontur fast im Paradeschritt herbeikam. Nun wurde die Situation heikel, und sie überlegte fieberhaft. Wie immer trat sie die Flucht nach vorne an.

Freudig erregt, fing sie zu rufen und zu lachen an. Sie winkte mit ihrem Kopftuch und setzte sich fast laufend in Bewegung. Sie breitete die Arme weit aus und rief:
„Habe ich euch endlich gefunden, ich warte schon seit zwei Tagen auf euch!“ Sie gab sich laut und aufgeregt. Zuerst schauten die Jungen verwundert, begriffen aber sofort und spielten das gefährliche Spiel mit. Einer hob sie, das Leichtgewicht, in die Höhe und schwang sie herum, um sie dann vorsichtig wieder auf den Boden zu stellen. Beide küssten und umarmten sie. Großmama hängte sich bei einem jeden von ihnen ein und wollte die zwei schon an den Soldaten vorbeisteuern, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Aber trotzdem die russischen Soldaten zuerst überrumpelt zu sein schienen, so einfach sollte die Durchführung ihrer Aktion nicht möglich sein, die sie sich ausgedacht hatte. Die drei wurden nach ein paar Schritten durch scharfe, russische Befehle angehalten, die zwar niemand verstehen konnte, aber jeder wusste, was sie bedeuteten. Die Russen hatten sich vom Staunen erholt und wieder zu sich gefunden. Immerhin wurden sie von ihrem Offizier, den sie herbeigerufen hatten, scharf beobachtet. Die Menschenmenge, die der Disput angezogen hatte, verlief sich bald. Die Angst, in eine Amtshandlung mit den gefürchteten Russen hineingezogen zu werden, war größer, als die Neugierde.

„Frau, weggehen – sonst schießen!“ Mit lauter Stimme und grimmiger Miene wandte sich einer der Soldaten, dem ein blonder Haarschopf unter der Mütze hervorlugte, direkt an sie. Er machte Anstalten, das Gewehr von seiner Schulter abzunehmen. Meine Großmutter lächelte, nun ganz liebe Oma, und legte ihre Hand auf den Arm des Russen.
„Hast du eine Mutter?“
„Da.“
„Wo?“
„Wladiwostok.“
„Wartet sie auf dich?“
„Da, Mutter immer warten!”
„Ich Großmutter, ich immer warten auf Söhne von Sohn, Enkelkinder, verstehen?“ Nun legte sie ihre Arme um die Schultern der Burschen und drückte sie an sich.
„Die jungen Männer haben keine Identitätskarte!“ Dem Offizier war das Gespräch offensichtlich zu familiär geworden, und er hatte sich dazwischengedrängt. „Karten müssen von Kommando in Hollabrunn geholt werden, wo sie herkommen.“
„Sie kommen ja von Hollabrunn zu mir, dort Kommando viel Arbeit und langsam. In Wien bekommen Identitätskarte, bei mir gemeldet!“ Großmama gab nicht auf. „Du verstehen?“ „Da, ich verstehen, aber sie müssen zurück, keine Ausweis!“ Der Offizier war sehr beharrlich.
„Gut, wenn du sagen, aber ich gehe mit. Ich haben Ausweise, auch Identitätskarte. Ich lasse Söhne von meinem Sohn, die zu mir wollten, nicht mehr allein zurückgehen.“ Nun drohte der Bluff, wie ein Luftballon zu zerplatzen. Aber sie persönlich wollte ja wirklich hinüber.

Ihre letzte Behauptung, mit den Burschen gehen zu wollen, hatte die Soldaten, samt ihrem Vorgesetzten, so überrascht, dass die Spannung augenblicklich nachgelassen hatte. Offenbar gelangten sie zu der Überzeugung, dass es sich nur um eine Großmutter mit ihren Enkelsöhnen handeln könne. Der Offizier schob seine Mütze zurück und kratzte sich auf der Stirn.
„Passieren!“ blaffte er. Seine Untergebenen öffneten mit einem Achselzucken und erstauntem Blick den Schlagbaum und entließen die drei in Richtung Stadt.

Die zwei Burschen nahmen meine Oma in die Mitte, und ein jeder führte mit seiner freien Hand sein Fahrrad neben sich her. Bei der Mauer angelangt, wollte sie wieder ihren Rucksack aufnehmen, aber einer der Jungen nahm ihn ihr gleich wieder ab und hängte ihn sich über seine Schultern. Seltsamerweise war das gute Stück noch da. Der Mann, dem sie ihn so vertrauensvoll übergeben hatte, hatte wirklich aufgepasst.
„Von Ihnen kann man etwas lernen, sind sie Schauspielerin?“ flüsterte er meiner Großmama ins Ohr und zwinkerte mit seinen Augen. Sie lachte schelmisch und raunte zurück:
„Nein, ich bin nur eine Großmutter!“ Der Mann griff in seinen Sack und gab ihr heimlich daraus ein paar Tafeln Schokolade und ein Päckchen Zigaretten. Dann war er plötzlich weg, und auch die drei mussten trachten, rasch das Feld zu räumen, bevor es sich die Soldaten, die noch immer debattierten, anders überlegen konnten, und die Situation wieder gefährlich werden könnte.
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