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Die Reisen des Herrn ZETH
... Harald und ich gingen meistens denselben Weg. Er führte ein kurzes Stück über die Hauptstraße des Ortes, die aber so ungefährlich war, wie ein Feldweg, da sie in unserer Kindheit nur selten von einem Auto befahren wurde. Dieser Ort bestand aus nur 25 Häusern, einer kleinen Kapelle mit Glockenturm und einem Gasthaus. Die einzige Kreuzung war in Y-Form angelegt. Fuhr man, von Tulln kommend, rechts, kam man in einen Ort namens Langenschönbichl und links nach Langenrohr. Die Straße nach Langenschönbichl mussten wir nehmen, um zu unserem Lieblingsplatz – dem Seitenarm der Donau – zu gelangen. Kurz nach Kronau führten Hochspannungsleitungen über die Landstraße. Es war immer ein wenig unheimlich, unter diesen zu gehen, da das Summen bedrohlich wirkte, wobei dieses Gefühl durch ein eigenartiges Kribbeln am ganzen Körper noch verstärkt wurde. So versuchten wir, meist rennend, diese Gefahrenzone schnell hinter uns zu lassen und bogen rechts in den Feldweg ein, der zu „unserem“ Waldstück führte. Nach einem kurzen Stück befanden wir uns inmitten eines schönen dichten Waldes, der jedes Kinderherz hochschlagen ließ. Es war herrlich, das warme Licht der Sonne auf dem weichen, mit Moos bedeckten Boden zu sehen. Das Laub, Gras und Moos hatte noch eine gesunde Farbe und erfüllte die Luft mit einem angenehmen Duft – reine Luft, eine Wohltat für unsere Lungen. Auf halbem Weg zum Seitenarm der Donau befand sich eine Lichtung mit einem Hochsitz, den wir immer bestiegen. Wir hofften, ein Reh oder ein Wildschwein zu sehen. Ab und zu hörten wir die Schreie der Reiher und das Klopfen eines Spechtes, der geschäftig nach Fressbarem suchte oder eine Behausung für die nächste Brut in geeignete Bäume schlug. 300 Meter weiter stießen wir an eine T-Kreuzung. Links ging es in weiterer Folge zu unserem Nachbarort und rechts nach Tulln an der Donau. Wir hielten uns immer rechts, da sich dort nicht nur ein geheimnisvolles Grab befand, sondern auch unser eigentliches Ziel. Ich erinnere mich, jedes Mal, wenn ich dieses Grab passierte, einen Blick darauf geworfen zu haben und dass mich eine Art Trauer überkam, obwohl ich den Mann gar nicht gekannt hatte. Mir wurde erzählt, dass dieser bei dem Versuch ertrunken war, seine Familie zu retten, die aus einer Zille – einem Holzboot – in den See gefallen waren. Das Grab schien so angelegt worden zu sein, um einen letzten Blick auf den See zu ermöglichen, der ihn gegen einen hohen Preis zum Helden gemacht hatte. Weitere 325 Meter danach war unser geheimer Ort. Eine kleine Lichtung, die an den See grenzte. Eine verfallene Hütte stand am Wegesrand und ließ uns immer wieder spekulieren, wer wohl darin gewohnt hatte. Sicher waren es die ersten Siedler gewesen, die hier eine Existenz aufzubauen versucht hatten und wahrscheinlich durch Wilde vertrieben oder gar verspeist worden waren. Die Erkundung hatte leider auch nichts gebracht, da wir weder verborgene Schriften, noch einen Schatz gefunden hatten. Der Weg zum See ging ein wenig bergab, war überwuchert von meterhohen Brennesseln, gegen die wir „kämpften“, indem wir diese mit Stöcken und lautem Kriegsgeschrei förmlich köpften und johlend unseren Sieg über die grünen Monster feierten. Der Sieg war umso beeindruckender, da die Übermacht der „Feinde“ nahezu erdrückend war, und wir, bedingt durch unsere Körpergröße, unterlegen schienen. Wie einst Columbus als erster Europäer seinen Fuß auf den Strand der „Neuen Welt“ setzte, trampelten wir wie von allen guten Geistern verlassen auf den in den See gebauten Holzsteg. Ein idealer Platz, um im Sommer zu baden oder die Sonne zu genießen. Es war jedoch Winterbeginn, als Harald und ich dort waren, weshalb Erwähntes relativ unvernünftig gewesen wäre. Zudem begann sich schon eine hauchdünne Eisschicht auf dem Wasser des Sees zu bilden. Es war sehr aufregend, da ab und zu Schüsse der Jäger zu hören waren, die irgendwelche armen Tiere töteten. Aufgrund der winterlichen Temperaturen waren wir warm angezogen, wobei Harald eine lustige Pudelmütze mit einem riesigen Bommel hatte, der beim Laufen lustig hin und her baumelte. Mit unseren Taschenmessern und zwei langen Bambusstecken zogen wir durch den kahlen Wald, der mit Raureif bedeckt ziemlich winterlich und unheimlich wirkte. „Indianer und Cowboy“ zu spielen zählte zu unseren beliebtesten Freizeitaktivitäten und wurde diesmal durch die Schüsse der „bösen Weißen“ noch realer. Wir schlichen durch den Wald und achteten besonders darauf, an den Ästen anzukommen, worauf der Raureif auf uns rieselte. So bekam das Spiel noch mehr Dramatik. Leichte Kratzer im Gesicht wurden wie Trophäen getragen und sollten uns härten – wie echte Krieger eben. Die Hautfarbe unserer Gesichter und Hände kamen der der so genannten „Rothäute“, schon ziemlich nahe. Beeindruckend war die winterliche Stille, die sich zwischen den vereinzelten Schüssen ausbreitete. Nur das Knirschen des gefrorenen Bodens und Grases war zu hören – das Kratzen der Äste an unseren Jacken und unser eigenes Keuchen. Ab und zu raschelte es irgendwo im Dickicht, worauf wir verharrten und gebannt in die Richtung starrten. Diesen Streifzug durch unsere Jagdgründe zogen wir immer extra in die Länge und genossen das naturverbundene Spielen, das so manchen Kindern von heute guttäte. Der See lag kalt und unheimlich vor uns. Leichte Nebelschwaden zogen wabernd über das Wasser, und die Bäume am gegenüberliegenden Ufer wirkten wie unheimliche Riesen, die ihre Krallen zu recken schienen und uns zu fassen suchten. Ein Schrei durchschnitt die unheimliche Stille. Ein Silberreiher wurde durch einen Schuss aufgeschreckt, schwang sich wild protestierend in die Lüfte und verschmolz mit dem fahlen Grau des Himmels. Der Wind spielte eine eigenartige Melodie, wenn er durch die laublosen Bäume strich. Es galt, unseren Besitz zu verteidigen. Was für eine Mission! Wir waren die Letzten des einst so zahlreichen und tapferen Indianerstammes der verschwiemelten Quargelfuß Indianer. Harald war „wilder Bommelträger“ und ich „furzender Bär“. Wir positionierten uns auf dem Steg, so als würden wir wie stolze Krieger den Anlegeplatz bewachen, bereit, unser Leben zu opfern. Hierzu versuchten wir natürlich, eine stolze Haltung einzunehmen, was jedoch durch den dicken Anorak, Schal, und Pudelmütze eher lächerlich wirkte, als an einen stolzen Krieger zu erinnern. Aber egal, in unserer Phantasie waren wir wie die echten Ureinwohner, die verzweifelt gegen das arrogante Vorgehen des weißen Mannes ankämpften, der alle anderen Rassen als minderwertig ansah und sich dadurch selbst disqualifizierte. Ein Geräusch ließ mich aufschrecken, woraufhin ich mich dramatisch umdrehte und den Speer, den Bambusstecken ohne jede Funktion, drohend gen Wald reckte, während „wilder Bommelträger“ rechts von mir den See im Auge behielt. Nachdem kein Feind zu sehen war und sich auch sonst nichts Dramatisches ereignete, ging ich von der Drohhaltung in eine entspannte Stellung über und hielt den „Speer“ in den Händen waagerecht zum Körper. »Furzender Bär, schau mal!« Die aufgeregte Stimme meines Freundes ließ mich in Windeseile nach rechts herumfahren, um wieder zum See zu blicken und auch den Grund der Aufregung zu erfahren. Doch „Wilder Bommelträger“ war weg! Wie vom Erdboden verschluckt. Ohne Übertreibung – gerade noch war er neben mir gestanden, und nachdem ich mich umgedreht hatte, war er verschwunden! Ich stand alleine am Steg und geriet in Panik, da aus Spiel Ernst zu werden schien. »Harald, Harri!« Rief ich seinen weißen Namen mit sich überschlagender Stimme aus voller Kehle. »Ha...« Der Anblick ließ mir den Namen meines Freundes im Halse stecken. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen starrte ich auf die Gestalt, die sich aus dem See erhob. Schlingpflanzen hingen an ihr herab und ließen sie noch schauerlicher erscheinen. Was war das? »Puhaaaaaaaaaaaaaaah!« Ein Schrei wie von einem angeschossenen Wildschwein durchbrach die Stille der Szene. Ich erkannte die Stimme meines Freundes, der, sich selbst umarmend, etwa eineinhalb Meter vom Steg entfernt inmitten des Wassers stand. Bibbernd und wimmernd watete er durch den verschlammten See, um an den Steg zu gelangen. Komplett durchnässt wog er das Doppelte, wodurch es ziemlich schwierig war, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Sein Unterkiefer erinnerte mich an die Nähmaschine meiner Mutter, die mit einer affenartigen Geschwindigkeit die Nadel einmal hoch und dann wieder runter bewegte. Der Effekt wurde durch immer dunkler werdenden Lippen verstärkt und ist nur rückblickend amüsant. »Halt still, ich versuch, dir die Sachen auszuziehen!« Das war jedoch leichter gesagt, als getan. Die Temperaturen ließen die Kleidung Haralds sofort frieren, und es war unmöglich, den Knopf seiner Hose oder Jacke aufzubekommen – er fror buchstäblich fest. »Schnell, wir müssen nach Hause laufen – komm schon!« Ein kurzes Nicken und der Blick aus seinen mit Eiskristallen umrandeten Augen ließ mich erkennen, dass er noch bei Sinnen war. Wenn es nicht so dramatisch gewesen wäre, hätten wir ja lauthals lachen müssen – zumindest ich. Harald begann, immer steifer zu werden, und sein Laufstil erinnerte an eine Mumie in Alaska. Wir liefen so schnell wie möglich nach Hause, als wieder die Schüsse der Jäger zu hören waren. Einmal dachte ich sogar, ein Geschoss in den Baum neben uns einschlagen zu hören, konnte es aber aufgrund der dringlicheren Umstände nicht genauer untersuchen. Das Bibbern Haralds wurde immer lauter, während die Kleidung immer härter wurde. Unendlich lange schien es zu dauern, bis wir endlich zu Hause angekommen waren. »Mama, schnell – Harald ist ins Wasser gefallen!« Es überraschte mich, dass meine Mutter nicht sofort zu einer Standpauke ansetzte, sondern schnell reagierte und damit begann, Harald aus den steifgefrorenen Kleidern zu schälen. Sein Köper war knallrot und zitterte, als würde er unter Strom stehen. »Da stell dich rein – ich mach dir ein heißes Fußbad, während ich die Wanne einlasse.« Sich weiterhin eng umarmend, nickte er kurz vor Dankbarkeit, bald erlösende Wärme verspüren zu werden. Fasziniert beobachtete ich die Szene und rechnete jeden Moment damit, dass er sich seinen Unterkiefer aushängen würde, da die Geschwindigkeit der Bewegung nicht abgenommen hatte. Es war schon unglaublich, wozu der menschliche Körper in der Lage war, vor allem, wie witzig er auf Kälte reagierte! Mit großem Interesse beobachtete ich das geschäftige Tun meiner Mutter, während ich an der Theke lehnend meinen Tee schlürfte. »So. Vorsicht, jetzt kommt das Wasser«, sprach Mama beruhigend auf Harald ein. Physik war schon teilweise spannend gewesen, auch wenn unsere Lehrerin eher ungeschickt bei manchen Versuchen vorgegangen war. Die Neugierde war jedoch in uns geweckt worden, was uns auch dazu veranlasste, manchmal zu Hause Experimente durchzuführen. Wir lernten zum Beispiel Verschiedenes über die Spannungen von Oberflächen kennen – sei es nun von fester oder flüssiger Materie. Uns wurde erklärt, dass es fatale Folgen hätte, würde man versuchen, im Winter die Windschutzscheibe eines Wagens mit heißem Wasser abzutauen. Ein Sprung oder gar Bersten des Glases wäre die Folge. Der Mund hörte schlagartig auf zu zittern, und die Augen waren weit aufgerissen. Der Kopf wurde dunkelrot und begann schnell zu zittern, als würde er „Nein“ zu einer drohenden Gefahr sagen. Die Muskelstränge am Hals und Nacken traten hervor, als würden sie jeden Moment reißen. Lautstark sog er die Luft ein, ich rechnete mit einem Schrei. Jedoch kein Laut drang aus seiner Kehle, und er wirkte, als wäre er zu einer Salzsäule erstarrt. Hunde begannen in der gleichen Sekunde zu bellen. Wahrscheinlich gab Harald einen Laut im Ultraschallbereich von sich, der die Hunde zu reagieren veranlasste. »Oh, entschuldige Harri – wars sehr heiß?« versuchte meine Mutter auf liebevolle Art ihr Ungeschick zu entschuldigen. Es musste sich anfühlen, als würden die Füße in ihre Moleküle zerbersten, als meine Mutter das fast siedende Wasser darüber goss. Ich rechnete damit, seine unteren Extremitäten in Hollywoodmanier zerplatzen zu sehen. Erst nach einigen Sekunden schrie er, als sei er gerade geboren worden und ließ dadurch meine Mutter wissen, dass die Temperatur des Wasser doch ein wenig zu hoch war. Er konnte einem wirklich leid tun, als er, nur mit einer zu großen Feinrippunterhose bekleidet, in dem Fußbad einen Indianertanz hinlegte, der wahrscheinlich den Gott der Hitze besänftigen sollte. Eine gewisse Lächerlichkeit konnte man dieser Szene nicht abschreiben. Nur aus Angst vor etwaigen Sanktionen unterdrückte ich mein Lachen durch leichtes Hüsteln. Als Kinder waren wir noch härter im Nehmen, weshalb diese Rosskur, zusammen mit einer heißen Suppe, verhinderte, dass Harald ernsthaft krank wurde. Unsere Kleidung hingen wir wie Trophäen zum Trocknen auf – auch Haralds Pudelmütze. Niemand bemerkte die kleine metallene Kugel, die im Bommel steckte. Erst Tage später fanden wir sie und waren im Nachhinein geschockt, als uns klar wurde, wie knapp wir dem buchstäblichen Tod entgangen waren. Die bösen „Weißen“ schossen mit echter Munition. |
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